Neue Publikation von Prof. Thomes in Berlin vorgestellt

05.04.2017
 

"Es geht darum, die Welt zu retten"

Die Professoren Reinhard H.Schmidt (links), Goethe- Universität Frankfurt, und Paul Thomes, RWTH Urheberrecht: Peter Himsel Die Professoren Reinhard H.Schmidt (links), Goethe- Universität Frankfurt, und Paul Thomes, RWTH

Eine in Berlin vorgestellte Publikation untersucht auf wissenschaftlicher Basis, was Mikrofinanzinstitute erfolgreich sein lässt. Die Erkenntnisse der drei renommierten Autoren sollen der Entwicklungszusammenarbeit weltweit zugute kommen.

Der Erfolg von Mikrofinanzprojekten ist nicht selbstverständlich, wie die jüngere Vergangenheit zeigt.
„Mikrofinanzinstitute sollten umfassend und intermediär sein und auf geeigneter rechtlicher Basis die Balance zwischenGemeinnützigkeit und Gewinnorientierung finden.“ Diese Quintessenz aus dem von ihm mitverfassten Buch zog in Berlin Professor Reinhard H. Schmidt. Das jetzt erschienene Werk „From Microfinance to Inclusive Banking – Why Local Banking Works“ wurde im Haus des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands vorgestellt. An der Veranstaltung nahmen unter anderem Vertreter von acht Länderbotschaften teil, darunter Ruanda, Aserbaidschan und Großbritannien. Mit seinem Fazit beschreibt Schmidt auch ein Erfolgsgeheimnis deutscher Sparkassen -und Genossenschaftsbanken, die in der Darstellung der drei Autoren während ihrer Anfangsjahre im 19. Jahrhundert ebenfalls Mikrofinanzinstitute gewesen sind.


Entwicklungsminister Gerd Müller: "Spannende Ergebnisse"

Zu Schmidts Befund passte das Sparkassenlob von Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung, der die Ergebnisse des Buchs „spannend“ fand: „Wir arbeiten seit 25 Jahren gut mit den Sparkassen zusammen – in mehr als 60 Projekten in 50 Ländern“, erklärte Müller und hob die Aktualität des Themas hervor. Beim 20-Gipfel erörtere eine Arbeitsgruppe mit Grameen-Bank-Gründer Muhammad Yunus, wie man Mikrofinanzinstitute erfolgreich machen könne.
„Gemeinsam legen wir hier die Basis für Finanzinstitutionen. Ihre Verankerung vor Ort ermöglicht es, lokale
Ersparnisse in lokale Kredite zu verwandeln.“ Müller sagte, er sehe es als „etwas Besonderes, wenn wir heute dafür
kämpfen, dass jeder Mensch ein Konto und Zugang zu Finanzdienstleistungen bekommt“.
Der Minister warnte vor Arroganz und erinnerte daran, dass auch in Deutschland Frauen ohne Zustimmung ihres
Mannes noch bis 1962 kein eigenes Konto eröffnen durften. Müllers politische Forderung war jedoch eindeutig: „Ein
Bankkonto für alle Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern muss möglich sein – für Jugendliche, Frauen
und Menschen auf dem Land. Auch kleine und mittelständische Unternehmen sollen einen verbesserten Zugang zu
Finanzdienstleistungen bekommen“.


"Gegenwartsgeschichte" mit praktischem Fokus

Das von den Professoren Reinhard H. Schmidt, Hans Dieter Seibel und Paul Thomes in dreijähriger Arbeit verfasste Buch basiert auf einer Studie, die die Sparkassenstiftung für internationale Kooperation und die Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe in Auftrag gegeben haben. Für die Wissenschaftler ist die wissenschaftliche Vertiefung des Themas kein akademisches Problem, sondern ein praktisches: „Es geht darum, die Welt zu retten“, wie Co-Autor Paul Thomes bei der Veranstaltung erklärte. Bei seinem historischen Ansatz handele es sich um "Gegenwartsgeschichte". Die Frage, „wo Globalität anfängt und wo Lokalität aufhört“, vor allem angesichts der rasanten Digitalisierung des Zahlungsverkehrs in Schwellenländern wie Afrika, ließ Schmidt offen. „Damit müssen Sie sich jetzt befassen.“
„Der Zugang zu Finanzdienstleistungen, sparen, Kredit aufnehmen, sich versichern – mittlerweile auch digital – dies
ist für uns in Deutschland eine Selbstverständlichkeit“, sagte Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands.
Doch in vielen Ländern Lateinamerikas, Asiens und Afrikas, aber inzwischen auch in einigen Teilen Europas, fehle
dieser Zugang. Dies habe „verheerende Folgen für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung dieser
Länder". Trotz der Fortschritte bei finanzieller Inklusion hätten weltweit mehr als zwei Milliarden Menschen und etwa
300 Millionen Unternehmen keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen.

(Text: Christoph Becker - SparkassenZeitung 21. März 2017)